Fachartikel

Eine Schulung ist noch keine Einführung

Warum Wissen allein keine Nutzung erzeugt und wie Zielverhalten, Gelegenheit, Motivation, Unterstützung und Wirkung zusammengeführt werden.

Ein neues System wird eingeführt, alle relevanten Mitarbeitenden nehmen an einer Schulung teil und die Teilnahme wird dokumentiert. Wenige Wochen später laufen wichtige Vorgänge trotzdem wieder per E-Mail, Tabelle oder Zuruf. Die naheliegende Diagnose lautet: Die Anwender haben nicht aufgepasst oder brauchen eine weitere Schulung.

Das kann stimmen. Häufig beantwortet die Schulung aber eine andere Frage als die Einführung. Sie vermittelt, wie eine Funktion bedient wird. Sie klärt nicht automatisch, ob das neue Verhalten im Alltag möglich, sinnvoll, erwartet und wirksam unterstützt ist.

Eine Einführung ist deshalb keine Folge von Schulungsterminen. Sie ist eine gezielte Veränderung realer Arbeit. Ihr Erfolg zeigt sich nicht an Anwesenheit, sondern daran, dass ein vereinbartes Verhalten unter normalen und schwierigen Bedingungen tatsächlich stattfindet.

Zuerst das Zielverhalten konkret machen

„Das System nutzen“ ist kein ausreichend konkretes Ziel. Eine Person kann sich anmelden, Daten ansehen und trotzdem jeden entscheidenden Vorgang außerhalb des Systems bearbeiten.

Ein beobachtbares Zielverhalten lautet beispielsweise:

  • Führungskräfte beantragen neue Berechtigungen über den vorgesehenen Workflow.
  • Supportanfragen werden im Ticketsystem erfasst, bevor die Bearbeitung beginnt.
  • Freigaben werden im neuen Prozess entschieden und nicht zusätzlich per E-Mail bestätigt.
  • Projektteams speichern freigegebene Dokumente am vereinbarten Ort.
  • Mitarbeitende erfassen eine Abweichung dort, wo sie später ausgewertet wird.

Erst ein konkretes Verhalten lässt sich erklären, unterstützen und messen. Es macht außerdem sichtbar, dass verschiedene Rollen unterschiedliche Veränderungen leisten müssen. Die Führungskraft, die einen Prozess freigibt, braucht nicht dieselbe Einführung wie die Person, die ihn täglich ausführt.

Wissen ist nur eine Bedingung

Das COM-B-Modell aus der Originalpublikation von Michie, van Stralen und West beschreibt Verhalten als Zusammenspiel von Capability, Opportunity und Motivation: Eine Person muss das Verhalten können, die Gelegenheit dazu haben und ausreichend motiviert sein.

Das Modell wurde nicht speziell für Unternehmenssoftware entwickelt. Als Diagnosehilfe lässt es sich trotzdem sinnvoll übertragen:

Dimension Einführungsfrage
Fähigkeit Versteht die Person Zweck, Regeln und Bedienung und kann sie Sonderfälle erkennen?
Gelegenheit Sind Zugang, Zeit, Daten, Rechte und Prozessweg tatsächlich vorhanden?
Motivation Erlebt die Person einen sinnvollen Nutzen, klare Erwartungen und glaubwürdige Konsequenzen?

Eine Schulung kann vor allem Wissen und Fertigkeiten beeinflussen. Sie repariert kein fehlendes Zugriffsrecht, keine doppelte Dateneingabe, keinen widersprüchlichen Führungsimpuls und keinen Prozess, der die alte Arbeitsweise weiterhin belohnt.

Auch gute Software verliert gegen den bequemeren Altweg

Menschen vergleichen nicht nur Oberflächen. Sie vergleichen den tatsächlichen Aufwand und die erwartete Wirkung ihres Verhaltens.

Wenn ein Antrag im neuen System vollständig erfasst werden muss, eine kurze E-Mail aber weiterhin akzeptiert wird, ist der Altweg organisatorisch günstiger. Wenn Führungskräfte Freigaben außerhalb des Workflows beantworten, lernen Mitarbeitende, dass der offizielle Prozess optional ist. Wenn im neuen System erfasste Informationen später erneut abgefragt werden, verliert die versprochene Transparenz Glaubwürdigkeit.

Die klassische UTAUT-Studie von Venkatesh und Mitautoren verbindet Technologieakzeptanz unter anderem mit erwarteter Leistung, erwartetem Aufwand, sozialem Einfluss und unterstützenden Bedingungen. Auch dieses Modell ist keine automatische Erfolgsformel. Es erinnert aber daran, dass Nutzung nicht allein aus Bedienkompetenz folgt.

Konstruiertes Beispiel: Geschult und trotzdem per E-Mail

Das folgende Beispiel ist konstruiert.

Ein Unternehmen führt einen digitalen Dokumentenfreigabeprozess ein. Alle Beteiligten besuchen eine Schulung und üben, Dokumente einzustellen, Prüfer zuzuordnen und eine Entscheidung abzugeben.

Im Alltag schicken Mitarbeitende dringende Freigaben weiterhin direkt an ihre Führungskraft. Diese antwortet schnell per E-Mail, während Aufgaben im neuen System erst später bearbeitet werden. Der alte gemeinsame Ordner bleibt beschreibbar. Für externe Beteiligte fehlt ein geklärter Zugang, und Vertretungen sind im Workflow nicht vollständig gepflegt.

Eine zweite Schulung würde die Bedienung wiederholen. Die eigentlichen Hindernisse liegen bei Gelegenheit und Motivation: Der Altweg ist schneller, Führung signalisiert seine Gültigkeit, und wichtige Betriebsvoraussetzungen fehlen.

Die Einführung verbessert sich erst, wenn das Unternehmen den verbindlichen Entscheidungsweg klärt, Vertretungen und externe Fälle löst, den alten Freigabekanal beendet oder sichtbar als Ausnahme begrenzt und die tatsächliche Durchlaufzeit des neuen Weges verbessert.

Motivation ist mehr als Begeisterung

Einführungsprogramme setzen Motivation häufig mit positiver Kommunikation gleich. Ein freundlicher Auftakt kann helfen, trägt aber nicht allein durch den Arbeitsalltag.

Motivation entsteht auch aus:

  • erkennbarem persönlichem und fachlichem Nutzen,
  • nachvollziehbaren Erwartungen der Führung,
  • fairen und konsistenten Regeln,
  • sichtbarer Wirksamkeit der eingegebenen Daten,
  • sozialem Vorbild im eigenen Team,
  • zeitnaher Rückmeldung bei richtigem und falschem Vorgehen,
  • Konsequenzen, wenn verbindliche Prozesse dauerhaft umgangen werden.

Konsequenzen sollten nicht künstlich oder überraschend sein. Sie ergeben sich idealerweise aus dem Prozess: Ein nicht erfasster Antrag kann nicht priorisiert, nachgewiesen oder fristgerecht bearbeitet werden. Wo eine formale Anweisung notwendig ist, muss sie von einer tatsächlich befugten Rolle kommen und darf fehlende Betriebsfähigkeit nicht verdecken.

Die Aussage „Die Mitarbeitenden wollen nicht“ ist zu grob. Manche erkennen keinen Nutzen, manche folgen anderen Führungssignalen, andere scheitern an Zeit, Daten oder Rechten. Jede Ursache verlangt eine andere Intervention.

Unterstützung gehört in den Produktivbetrieb

Eine Schulung findet vor oder zum Start statt. Viele Fragen entstehen erst in echten Fällen. Deshalb braucht die Einführung einen erreichbaren Unterstützungsweg:

  • verständliche Hilfe direkt am Arbeitsschritt,
  • bekannte Ansprechpartner für fachliche und technische Fragen,
  • schnelle Klärung wiederkehrender Fehlerbilder,
  • Übungs- oder Testmöglichkeiten für seltene kritische Vorgänge,
  • Feedbackkanal für unpassende Regeln und fehlende Fälle,
  • sichtbare Bearbeitung der Rückmeldungen.

Das GOV.UK Service Manual unterscheidet beim Unterstützungsbedarf unter anderem fehlende Fähigkeiten, Zugang, Vertrauen, Selbstvertrauen und Motivation. Die konkrete Vorgabe richtet sich an öffentliche digitale Services, nicht an interne Unternehmenssysteme. Die Diagnose ist dennoch nützlich: „Braucht Hilfe“ ist keine einheitliche Ursache.

Support darf außerdem nicht dauerhaft eine parallele Bedienmannschaft werden, die jeden Vorgang stellvertretend ausführt. Ziel ist, Hindernisse zu erkennen, den Prozess zu verbessern und Nutzende zur selbstständigen Ausführung zu befähigen.

Die Nutzungskarte

Ein kompaktes Arbeitsmittel verbindet Einführung und Betrieb.

Feld Inhalt
Zielrolle wer sein Verhalten konkret verändern soll
Zielverhalten beobachtbare Handlung in einer definierten Situation
bisheriger Weg heute tatsächlich genutzter Ablauf und sein Vorteil
Fähigkeit notwendiges Wissen, Übung und Entscheidungsverständnis
Gelegenheit Zugang, Rechte, Daten, Zeit, Geräte und Prozessvoraussetzungen
Motivation erwarteter Nutzen, Führungssignal, soziale Norm und Konsequenz
Unterstützung Hilfe, Ansprechpartner, Rückmeldung und Vertretung
Altweg beenden, technisch begrenzen oder als Ausnahme regeln
Wirkungssignal woran Nutzung und fachliche Verbesserung erkennbar werden
Owner wer Hindernisse priorisiert und über Anpassungen entscheidet

Die Karte sollte für wenige entscheidende Verhaltensweisen erstellt werden, nicht für jede Schaltfläche. Sie verbindet die fachliche Prozessarbeit aus „Erst den Prozess prüfen, dann digitalisieren“ mit der tatsächlichen Einführung.

Nutzung messen, ohne Aktivität mit Wirkung zu verwechseln

Anmeldungen, Klicks oder absolvierte Lernmodule sind leicht messbar. Sie können zeigen, dass ein System erreicht wurde, nicht dass der Prozess funktioniert.

Bessere Fragen verbinden Verhalten und Ergebnis:

  • Welcher Anteil relevanter Vorgänge nutzt den vereinbarten Weg?
  • An welcher Stelle wechseln Menschen in E-Mail, Tabelle oder Zuruf?
  • Welche Rollen erzeugen besonders viele Rückfragen oder Abbrüche?
  • Welche Bearbeitungs- und Wartezeiten entstehen nach dem digitalen Eingang?
  • Werden Ausnahmen sichtbar entschieden oder umgehen sie das System?
  • Sinkt Doppelarbeit, oder wird der neue Weg zusätzlich zum alten bedient?
  • Welche Supportfragen wiederholen sich und was wurde daraus verbessert?

Das GOV.UK Service Manual zu Leistungsdaten empfiehlt, Nutzung, Abschluss, Kosten und Zufriedenheit als Grundlage der Verbesserung zu betrachten. Für interne Systeme müssen die konkreten Kennzahlen aus dem eigenen Ziel abgeleitet werden. Eine allgemeine „Adoptionsquote“ ohne definiertes Verhalten ist wenig aussagekräftig.

Wann eine kurze Einweisung genügt

Nicht jede Änderung benötigt ein umfangreiches Veränderungsprogramm. Eine kurze Einweisung kann ausreichen, wenn:

  • das Verhalten dem bisherigen Ablauf sehr ähnlich ist,
  • Nutzen und Erwartung unmittelbar verständlich sind,
  • Rechte, Daten und Arbeitsmittel bereits funktionieren,
  • kein konkurrierender Altweg attraktiver bleibt,
  • Fehler geringe Folgen haben und schnell korrigierbar sind,
  • Hilfe im Alltag leicht verfügbar ist.

Der Aufwand folgt nicht der Größe des eingekauften Systems, sondern der Tiefe der notwendigen Verhaltens- und Prozessänderung.

Der pragmatische Start ist eine einzige kritische Nutzungssituation. Formulieren Sie, wer wann was im neuen System tun soll. Fragen Sie anschließend getrennt: Kann die Rolle es, hat sie im Alltag die Gelegenheit dazu und gibt es einen nachvollziehbaren Grund, es wirklich zu tun? Erst die gefundenen Lücken bestimmen, ob Schulung, Prozessänderung, bessere Rechte, Führung, Support oder eine technische Vereinfachung die passende Maßnahme ist.

Quellen

  1. The behaviour change wheel: A new method for characterising and designing behaviour change interventions – Implementation Science
  2. User Acceptance of Information Technology: Toward a Unified View – MIS Quarterly
  3. Assisted digital support: an introduction – Government Digital Service
  4. Using performance data to improve your service: an introduction – Government Digital Service